Tag 17: Schwanger und Berufe

Ein TN-Paar meldet sich noch vor Kursbeginn ab. Seine Frau hat um 10 Uhr einen Termin beim Arzt. Der Mann erklärt mir, dass seine Frau auch alleine gehen könnte, er jedoch als Übersetzer mitgeht, weil die Frau nicht so gut Englisch reden kann. Ich wollte heute nach „Nach vorne führen viele Wege“ die Berufe bzw. die Berufswünsche für das Berufsleben hier in Deutschland erfragen. Ich frage die Frau, ob sie mir jetzt schon den Berufswunsch mitteilen kann. Sie guckt ihren Mann, er sagt: „Sie ist seit 2 Monaten schwanger“. Ich gratuliere und freue mich mit den werdenden Eltern und natürlich ist damit der Berufswunsch erst mal klar.

Wir arbeiten uns durch die Hausgegenstände, Gemüse und Obst. Dies funktioniert schon ziemlich gut. Obest und Karetoffel sind nur noch sporadisch zu korrigieren. Ein Mann spricht Birne wie Birna aus. Seine Frau spricht das „e“ deutlicher aus. Ich sage zu ihr: „Sage zu deinem Mann mal „Birne“, er: „Birna“. Nochmal: Birne – Birna. Dann rate ich: „Heute Abend üben Sie zu Hause: „Birne, Birne, Birne“. Alle lachen

Dann kommen die Farben und die Farben-Sätze. Für einen Satz wie: „Abends, beim Sonnenuntergang, ist der Himmel rot gefärbt“ brauche ich nicht mehr viele Worte. Abend, Sonne, unter, Himmel, rot kennen sie schon. Wenn sie mir die Worte erklären, brauchen sie noch viele Gesten. Jemand sagt jedoch: „Die Sonne steht am Himmel“. Ein Anderer“ Im Himmel sind Sterne“
Mit „gefärbt“ werden die Verben vorbereitet.

Nach dem Zahlendiktat frage ich die TN, jeder soll die Zahl der Flüchtlinge die 2015 in Deutschland eingetroffen sind, so wie er/sie denkt, aufschreiben und wie viele 2016 noch erwartet werden.(nicht reden, nur denken und schreiben). Die 2015er Zahl variiert von 20.000 bis 100.000. Nur ein TN hat die Zahl von 1.000.000. Er ist schon 3 Jahre hier. Eine 2016er Zahl können sie mir nicht geben. Sie denken es ist vorbei. Ich erkläre, wie schwierig die jetzige Situation für uns alle ist. Für die, die gekommen sind und wie wir uns hier in Deutschland anstrengen, allen eine Wohnung oder ein Zimmer zur Verfügung zu stellen. Sie sitzen vor mir und ich zeige auf jeden/jedes Paar: eine Wohnung, noch eine Wohnung, ein Zimmer, noch eine Wohnung, usw. Ich hoffe, sie bekommen ein wenig Verständnis für den Einsatz und die Leistung, die dieses Land und seine Menschen für diejenige, die vor mir sitzen und den Rest der Million in diesen Monaten geschafft haben. Ich meine Bewunderung zu sehen.

Dann kommt noch die Geschichte von Jan-Robert, der über den Meister die Hochschulreife ohne Abitur schafft. Und ich mache Mut und Werbung für einen beruflichen Werdegang.

Ich frage die Berufe ab: ich denke ein Lackierer ist dabei (bin mir jedoch noch nicht sicher), jemand hatte einen Teeladen in Kabul und spielte Musik am Wochenende (ohne Noten lesen zu können), ein Maschinenführer (Strickmaschine), die Frau mit Kopftuch lehnt nicht mehr ab. Sie meint vielleicht Friseurin (nach dem Vorbild von Christina aus „Nach vorne …“). Ich lasse sie „nachdenken ( Nordpol – Anton – Cäsar – Heinrich usw.: Buchstabieren klappt inzwischen wunderbar) in das Smartphone schreiben und auf Arabisch übersetzen.

Sie nickt, sie hat verstanden, sie wird nachdenken. Und ich: „Morgen reden wir wieder darüber“

Zum Schluss verweise ich noch auf den Praktikumsleitfaden, mit dem wir morgen beginnen. Und noch mal die Anregung, dass in Deutschland alle Frauen vor der Geburt der Kinder und nachdem die Kinder im Kindergarten sind, zur Arbeit gehen. Wenn Frauen hier nicht arbeiten gehen, sitzen sie einsam und allein zuhause. Auf der Arbeit finden sie Freundinnen und lernen deutsche Kolleginnen und Gewohnheiten kennen. Das ist viel besser als alleine zuhause zu sitzen UND das ist gut für uns alle.

Advertisements

Tag 16: Abdalramah und vierzehn/vierzig

Ein Sohn ist heute mitgekommen. Ein TN übernimmt die Rolle des Vorlesers beim täglichen Wiederholen der Hausgegenstände. Bei den Essen-Trinken-Kochen-Sätzen von gestern hätte ich normalerweise übernommen, ich bitte jedoch Abdalramah nach vorne. Der Vater guckt etwas beunruhigt. Der Sohn lässt sich darauf ein. Er beginnt: „Zum Frühstück essen wir eine Scheibe Brot und…“. Das „Frühstück“ hört sich wohltuend wie „Frühstück“ an. Probleme gibt es, wie bei allen TN wenn sie lesen, bei Wörtern mit „ei“ bzw. „ie“:„Scheibe (Schiebe), mein (mien). Jeden Tag zähle und schreibe ich: eins, zwei, drei, vier. Das klappt, nur beim Lesen noch nicht.

Ich bitte um ausgiebigen Applaus für Abdalrahmah, den bekommt er auch. Ich lade ihn ein, immer, wenn er keine Schule hat, hierher zu kommen und natürlich: Schule ist viel wichtiger als hier zu sein. Abdalramah ist 13, wirkt jedoch jünger.

Dann arbeiten wir die Liste der Obstsorten ab und ich ergänze, wann sie welche Sorten am besten kaufen und mache Werbung für die regionalen Produkte von unseren Obstbauern: frisch,  preiswert und gesund. Obstsorten geht ziemlich flott. Um 10 Uhr sind wir fertig.

Bisher haben wir ca. 600 Wörter gelernt und, abgesehen von heute und gestern, alle mindestens 10-20 Mal über mehrere Tage wiederholt, einzeln und in der Gruppe. „Laut, laut“ sage ich dann immer. Das ist besser für das Gehirn, es hört dann mit (Danke Hirnforschung).

Ich verteile die Broschüre „Praktikumsleitfaden“ (danke liebe Mitarbeiterin vom IHK). Ich male noch mal Grundschule – Hauptschule/Realschule (aus „Nach vorne führen..“) –Abschluss der Schule – Praktikum und Ausbildung (mit Abschluss). Ich mache Mut sich über ein Praktikum Gedanken zu machen. Und formuliere vorsichtig, dass der Mann, der Schweißer ist, sich hier auch weiterzubilden hat, bevor er eine Arbeit bekommen kann (Das hat die Handwerkkammer mir gesagt, die Einladung für den Mann habe ich schon vorliegen). Für ein Praktikum gibt es als Asylsuchende Möglichkeiten. Ich rege an, die Seiten mit wenig Text schon mal zu lesen und mit dem Smartphone zu übersetzen. Nächste Woche lesen wir noch eine Geschichte aus „Nach vorne führen viele Wege“ und dann werden wir uns mit dem Praktikumleitfaden beschäftigen.

Ich frage sie auch bis nächste Woche aufzuschreiben, welchen Beruf sie im Heimatland hatten oder hier nachgehen möchten. Und bestärke die Frauen, dass es bei uns total normal ist, wenn Frauen arbeiten. Abgesehen von Müttern mit kleinen Kindern arbeiten alle jungen Frauen.

Die Dame mit Kopftuch habe ich noch nicht überzeugt.

Die Geschichten von Irina, Christian usw. haben sie alle brav geschrieben. Ich lobe alle für die schöne Handschrift, die sie haben. Zehn Geschichten insgesamt sollen sie schreiben. Sie sollen die geschriebenen Geschichten zusammen mit der Broschüre „Nach vorne..“ in dem Ordner aufbewahren und sie überall zeigen, wo es angebracht ist. Ich bin mir sicher, sie werden nicht viele Worte brauchen, um Anerkennung für das Geleistete zu bekommen und es wird ihre Chancen auf eine schnelle Integration erhöhen.

Nach der Pause kommt Zahlendiktat. Gestern gab es wieder viele Fehler. Meine Frau hatte anhand der noch vorhandenen Fehler der Vortage eine weitere Reihe von 20 (schwierigen) Zahlen zusammengestellt. Ich wiederhole noch mal vierzehn und vierzig, sieben – siebzehn – siebenundzwanzig und siebzig. Und erkläre dem Papa von Abdulramah, dass es für ihn besser ist die Zahlen von rechts nach links zu schreiben, so wie er sie hört. Und los: 40, 50, 15, 60,…..

Zum Schluss kommt der Vater von Abdalrahmah auf mich zu. Er verrät mir, (sein Sohn übersetzt) dass er in Syrien nicht in der Schule war. Geahnt hatte ich es. Ich bestärke ihn: „Wissen Sie, für Sie ist das hier ungeheuer schwierig. Sie kommen jedoch jeden Tag. Nicht wie viele, die einen oder zwei Tage gekommen sind und dann wieder weggeblieben sind. Nein, Sie sind immer noch hier: das ist mutig, sehr mutig. Und gut für Sie und Abdalrahmah!“ Dankbar gibt er mir die Hand.