Tag 14: Schreibübungen gelungen und eine kleine Revanche 

Eine TNin führt uns durch die Körperteile und Körperverben. Dann kommt die nächste TNin und wir pauken die Zimmer im Haus und die Gegenstände im Wohnzimmer und Schlafzimmer. Dem Ehemann sage ich, ich werde ihn morgen bitten die Körperteile und –verben vorzulesen.
Er stöhnt, seine Frau beruhigt ihn.

Dann arbeiten wir die Küchenliste ab. Das ist einfach, weil der Raum einen kleinen Küchenteil hat, da kann ich Messer und Gabel usw. holen. Ein Küchensatz ist gemein:

Die Suppe kann eine Gemüsesuppe oder eine Markklößchensuppe sein.

(Willkommen in der Pfalz)

Bei „Gemüsesuppe“ müssen sich „ü“ und „u“ mindestens unterschiedlich anhören. Gemusesuppe gilt nicht. Da die Gemüsesuppe harte Arbeit ist und viel schwieriger als „Im Frühling blühen die Blumen“ gönne ich den TN einen Bonbon: Ich versuche das arabische Wort für „Kaffee“ auszusprechen. Dies gelingt natürlich auch nur zu 60 %. Schmunzeln, die Lage entspannt sich wieder.

Und inzwischen kennen wir schon viele Sammelbegriffe: Eltern für Vater und Mutter, Kinder für Sohn und Tochter, Geschwister, Streife für zwei Polizisten und jetzt „Gemüse“.

Und wir lernen die einmalige Eigenschaft der deutschen Sprache, was für Ausländer ungemein schwierig ist, Wörter einfach zu einem Wort zusammensetzen zu können: wir kennen schon Kopftuch (eine TNin), Fußstreife, Dachboden, usw. und jetzt Gemüsesuppe. Da helfen auch keine Englisch Kenntnisse (vegetable soup = zwei Worte).

Dann verteile ich die restlichen Ordner. Ich konnte sie unmöglich auf einmal tragen. Die ersten Schreibübungen liegen vor. Da Startzeit und Endzeit dokumentiert sind, sehe ich, dass Alle die, die Geschichte von Irina aufgeschrieben haben, es in etwa 30 Minuten geschafft haben. Einer hat (auch in 30 Minuten) nur die Hälfte geschafft: Er hat eine sehr schöne Druckschrift, obwohl er kaum lesen kann. Ich lobe und unterschreibe mit „Dr. De Clercq Arnold“ und sage: „Psst, das ist ein Geheimnis, der „Dr.“ hilft beim Sozialamt und der Kreisverwaltung.“

Mein pfiffiger junger Schüler ist auch wieder zu Besuch. Heute kann er mir schon erzählen, dass er in einer Klasse mit 18 Schülern sitzt. Auch deutsche Schüler sind dabei. Ich lege ihm ans Herz, ziemlich intensiv, er soll sich auch deutsche Freunde suchen und in der Pause nicht nur arabisch sprechen sondern versuchen deutsch zu reden oder mindestens zuzuhören. Beim Satz „Kinder essen lieber Spaghetti“ und ich das Wort „lieber“ erklären will, meint er dass er es weiß. Ich erkläre allen den Unterschied zwischen „Liebe“ und lieberrrrrrrrrr“.

Dann kommt Christina, die Friseurin. Zum ersten Mal erwähne ich das Wort „Asyl“ und erkläre dass sie ohne Asyl nicht arbeiten dürfen, jedoch sehr wohl ein Praktikum absolvieren dürfen. Eine TNin liest (die Frauen lesen einfach besser als die Männer) den Text. Das Wort „Hauptschulabschluss“ ist natürlich unmöglich. Ich helfe: Wie Gemüsesuppe: Hauptschule und Abschluss = Hauptschulabschluss. Der Weg von Christina ist gerade ein Musterbeispiel, das deren Werdegang hier in Deutschland darstellen könnte. Sie gleiten mir weg. Ich will sie wieder einfangen und singe ein Loblied auf Deutschland. Welch gutes Land das ist, wenn man das „Allgemeinwohl“ betrachtet. also gut für „ALLE“ Gruppen. Nicht nur für EINE Gruppe. Und mache Mut: „Gehen Sie Ihren Weg, in Deutschland ist es möglich UND lernen Sie die deutsche Sprache!“

Die Leserin von heute Morgen (vom Ehemann) frage ich, ob Sie morgen den Text von Hüsnü Mehmet (39) lesen will. Sie zögert sehr. Auf „Denken Sie, dass das geht?“ kommt „Ich weiss nicht“. Ich mache es kurz. Ich versuche mein „Bitteeeeee“. Damals in der BASF konnte (in Unterrichtstunden) auch Niemand wiederstehen. Sie sagt ja.
Die Augen des Ehemannes leuchten jetzt. Eine kleine Revanche!

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