Tag 08: Kinderstube und im Globus einkaufen.

09:00 Uhr: nur ein Stuhl ist leer. Ein TN ist fünf Minuten zu spät, es wird leicht gerügt. Insgesamt werden 19 TN kommen, vier sitzen an Nebentischen. Es sind auch drei Kinder da. Sie werden bis halb zwölf sehr ruhig sein. Sie sind so ruhig, dass die Aufforderung „ruhig“ zu sein, wenn ein TN etwas zu wiederholen hat, nicht für die Kinder gilt. Mir fällt jedoch auf, dass die Kinder nicht miteinander spielen. Kein Kind weicht mehr als ein Meter von seiner Mutter. Auch wenn diese Situation für mich bequem ist, geht es mir dabei im Herzen nicht gut.

Zu Beginn weise ich darauf hin, dass der Unterricht erst am 12. Januar weiter geht. Dass man sich zwischen den Jahren „einen guten Rutsch“ wünscht und es am 31. Dezember um 12 Uhr nachts viel Feuerwerk geben wird.

Der Ablauf ist wie üblich: „Guten morgen, mein..“. Es ist für mich sehr schön zu erleben, wie groß der Fortschritt bei einigen TN ist. Ich freue mich wirklich darüber. Bei den Zahlen sagen fünf TN fünf Zahlen an, fünf schreiben. Bei denjenigen, die mit zwei Zahlen relativ gut umgehen können probiere ich es mit Zahlen bis 999. Das ist wieder schwierig. Weil ein TN vor Beginn meinte, er und seine Frau wollen um halb elf gehen und  seine Frau sagt: „Nein um halb zwölf“, erkläre ich noch mal die Uhr: Wir beginnen um neun, dann folgt „zehn NACH NEUN, zwanzig NACH NEUN“ bis „HALB ZEHN“. Dann kommt „zwanzig VOR ZEHN“ und „zehn VOR ZEHN“. Wir sind uns einig: sie gehen um halb zwölf. „Viertel nach“ kennen sie auch noch.

Danach lege ich ihnen nahe immer „freundlich“ zu sein. Ich erkläre, dass wir uns in der Zeitung informieren. Wir lesen manchmal von Menschen in Heimen die sich schlagen und dadurch manchmal nicht gut wissen, welche Menschen hierhergekommen sind. Wenn wir allerdings diese Menschen z. Bsp. in einer Schlange an der Kasse sehen, und sehen, wie freundlich sie sind, denken wir: Es sind freundliche Menschen. Und das ist gut für alle und wir wachsen zusammen. Alle kennen „Globus“ und ich erkläre einen „freundlichen“ Ablauf an der Kasse und den Wortwechsel mit der Kassiererin: „Guten Tag/guten Tag  – 22 Euro, bitte – bitte schön (Geld geben)/Danke schön (Kassiererin nimmt Geld an) – Bitte schön/Danke schön (Wechselgeld annehmen) – Auf Wiedersehen/Auf Wiedersehen“ und gehen. Alle müssen sich in der Schlange anstellen und bezahlen. Nach fünf Kunden gibt es einen Kassierer statt Kassiererin, er macht mit.
Zu Beginn wird „bitte schön“ und „danke schön“ gerne verwechselt. Es hört sich lustig an, wenn Kassiererin und Kunde beim Geldwechsel beide „bitte schön“ sagen. Es ist ehrlich lustig: unser Zusammensein hat sich schon so weit entwickelt, dass es hier keine Schadenfreude gibt.

Irgendwann meldet sich am Nebentisch ein TN und beschwert sich, dass ich mit Ihnen nicht persönlich (heute ist er zum ersten Mal dabei) übe. Ich erkläre ihm, dass der Kurs für 15 TN gedacht ist und sie am Nebentisch natürlich gerne zuhören können und mit uns auch laut üben können – Kursunterlagen haben sie auch. Er versucht zu diskutieren. Ich würge ab: „Nicht diskutieren, wir üben jetzt weiter“. Zustimmung in der Runde.

Ich frage noch die Buchstabenblätter ab. Fast alle haben sie, schön ausgefüllt, mitgebracht. Es sieht eigentlich sehr gut aus. Nur einmal wurde „q“ als „g“ geschrieben. Ich lobe sie sehr und gebe jedem drei karierte Blätter und ermutige ihnen zuhause meine Unterlagen abzuschreiben. Die junge TNin mit der halben Seite war diesmal auch sehr fleißig. Ich erwähne es und erbitte ein „APPLAUS“. Den bekommt sie auch. Sie lacht verlegen und die Augen strahlen.

Dann sind die drei Stunden schon wieder vorbei. Ich schreibe an die Tafel

„Wir haben hart gearbeitet“ und wünsche „eine gute Zeit“.

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Tag 07: Zahlensalat und Oma

09:00 Uhr: Es sind 15 TN anwesend. Insgesamt werden es 19 werden. Ein TN übernimmt die Wiederholungsrunde: „Guten morgen, mein Name…“ . Dies klappt ganz gut. Nach den Zahlen bitte ich jeweils (5x) einen TN fünf Zahlen zwischen 10 und 100 zu nennen. Ein anderer TN schreibt sie an die Tafel. Die Schwierigkeit beim Zahlen schreiben habe ich unterschätzt. Etwa die Hälfte der Teilnehmer schreibt „34“ statt „43“ wenn „dreiundvierzig“ gesagt wird. Sie werden unruhig. Ich sage: „Nur langsam, morgen üben wir noch einmal, und so lange bis wir es können“.

Uhrzeit, Tage und Monate und Jahreszeiten rutschen durch. Danach üben wir die Fragen dazu (Wie spät ist es – welcher Tag haben wir heute – der wievielte ist heute (ist morgen oder war gestern) – Wann können Sie kommen – Wann sind sie geboren). Das ist schon ziemlich kompliziert: Einen Tag, eine Zahl und einen Monat aussuchen und das alles in einem Satz zusammen formulieren. Alle 15 werden gefragt.

Wir üben noch ein paar Sätze wie: „Im Frühling blühen die Blumen, dann sind wir viel draußen“.

Ü und U sind unglaublich schwierig. Ich erinnere mich an meine Anfangszeit vor 30 Jahren.

Die „Familie“ ist wieder einfach. Deswegen präsentiere ich: „Schwierig – schwanger – Schwester – Geschwister – Schwiegereltern – Schwager“. Dies geht viel besser als am Freitag. „SCHW“ festigt sich. Pause.

In der Pause meldet sich ein TN für morgen ab: Arztbesuch. Ich lobe ihn sehr – er strahlt. Ich erwähne noch mal, dass ich keine Begründung brauche, nur die Information. Ich glaube, ich habe wieder einen Mann für das „deutsche“ Verhalten gewonnen. – So sollte es sein.

Nach der Pause ist Lesen angesagt:      OMA

Du hast mir einst in meinem Leben

so viel Gutes mitgegeben.

Entführtest mich ins Wunderland

und gabst mir kleinem Knirps die Hand.

Du gabst mir Sicherheit und Halt

auch im verschneiten Tannenwald.

Ich erkläre erneut die schwierigen Worte. Ich lerne, dass alle Schnee kennen. Fünf TN lesen und ich sage: „Morgen frage ich fünf weitere andere Personen“. Ein kleiner Knirps ist auch anwesend.

Als nächstes lernen wir uns vorzustellen. Wir kennen alle Wörter dazu und ich stelle mich als erste vor. Das Wort „Hobby“ (im Garten arbeiten – Fahrradfahren – usw.) verstehen sie nicht.
Ich: „In Deutschland sollte man ein Hobby haben“. Schwierig – ich verschiebe „Hobby“ auf Januar.

Einige stellen sich vor. Ich erwähne, dass wir von ihren Ländern nur wenige Städte kennen (Syrien:  Damaskus und Aleppo, Afghanistan: Kabul und Kundus, Irak: Bagdad und Basra und  mir von Iran nur Teheran geläufig ist) und Sie beim Geburtsort zu diesen Städten Bezug nehmen sollten. Ich wähle fünf TN aus, die sich morgen vorstellen und sich darauf vorbereiten sollen: die ersten Hausaufgaben. Ich lerne: Ein TN ist in Aleppo geboren.

Es folgen die Körperteile. Das fängt lustig an. Weil ich nur wenige Haare habe und sage „die Haare“  und danach zeige ich schnell auf eine Frau „wenig Haare – viele Haare.“ Heiterkeit.

Bei Mittelfinger erwähne ich, dass man den Stinkefinger NIE zeigen sollte. Sie bestärken mich: bei Ihnen auch nicht, abgehakt.

Zum Schluss schreibe ich an die Tafel: „Wir haben heute hart gearbeitet“ und bedanke mich.

Zustimmung bei allen.

Tag 6: Bethlehem

09:00 Uhr. Die Reihen sind gefüllt. Ich verteile zuerst den neuen Kopiensatz (danke Liebe Mitarbeiterin vom Katholischen Pfarramt in Grünstadt). Einige stöhnen: So viel noch! Ich meine:

„ Das sind die Unterlagen, die ich im Oktober und November vorbereitet habe. Und wir machen weiter bis Ende Januar, immer weiter. Wir versuchen so weit wie möglich zu kommen.“
Eine TNin  führt uns durch „Guten Morgen, mein Name…“ . Die Uhrzeit, die Wochentage und Monate werden noch mal durchgekaut.

Um halb zehn kommen noch zwei Männer, die ich nicht kenne, herein. Ich sage zur Gruppe, dass ich keine neuen Teilnehmer mehr will und frage, ob ich sie wegschicken kann. „Bitte helfen Sie mir!“ schicke ich noch nach.  Die Gruppe der TN aus Afghanistan überlegt sehr aufgeregt, dann sagt der englischsprechende TN zu mir: „Its up to you to decide.“

Da fällt mir die Geschichte von Weihnachten und Bethlehem ein und bitte sie Platz zu nehmen. Ich ziehe meine beiden Ohren auseinander und sage: „Gut zuhören“.

Als nächstes üben wir die Familie. Im Kreis ist auch ein achtjähriger Junge. Das macht es einfacher. „SCHW“ wie Schwester oder Geschwister ist schwierig auszusprechen. Und „Eltren“ statt „Eltern“. Dann spiele ich mit dem Jungen und vier TN Familie: Kinder, Eltern und Großeltern. Jeder sollte auf jeden zeigen und sagen was er/sie ist. Da es im Kreis kein Mädchen gibt, bin ich die kleine Schwester und hocke neben dem Jungen. Das finden sie lustig.  Im zweiten Durchgang mit neuen TN fehlt mir eine Großmutter. Ich bitte einen Mann „Großmutter“ zu sein.
Kein Wiederstand: Glück gehabt.

Kurz vor der Pause verteile ich noch einige IHK-Flyer. Dort finde ich das Wort „Zuverlässigkeit“.

Ich zeige auf das Wort und empfehle, den Flyer zuhause in Ruhe zu übersetzen.
Danach frage ich, wer die Buchstabenseiten, die ich verteilt habe, ausgefüllt hat. Meine ganz schwache TNin hat sie nicht dabei. Ein Mann hat das Blatt sehr korrekt abgearbeitet.
Ich lobe ihn -Applaus. Eine junge TNin  zeigt mir ihr Blatt. Es ist nur zur Hälfte vollgeschrieben. Das ist natürlich mein Stichwort. „Dieser Mann war sehr fleißig, sie war weniger fleißig“. Ihr ist es peinlich. Klar. Ich lege noch mal nach: „Normal sind bei uns die Mädchen fleißig und die Jungs etwas weniger“. Sie versteckt ihr Gesicht hinter den beiden Armen auf dem Tisch. Ich höre auf, gehe auf Sie zu und Entschuldige mich so lange, bis sie mir ihr OK gibt. Das dauert nicht lange, ihr Verhalten ist schon sehr „westlich“. Ich hoffe das Wort „fleißig“ ist jetzt in allen Ohren.
Ich will doch vermitteln, dass Deutschland ein Land von fleißigen Menschen ist.

Kurz vor Schluss verteile ich noch ein paar Kinderbücher. Und sage: „Und bitte keine neuen Teilnehmer mehr“. Ich gucke dabei den englischsprechenden TN an. Er reagiert wie ein falsch beschuldigtes Kind: „Ich habe Niemanden gefragt.“
Ich: „Glaube ich Ihnen, aber sie können es übersetzen“ – Entwarnung, er lacht.

Bevor alle weggehen kommen die zwei Männer mit einem „Übersetzer“ auf mich zu und fragen, ob sie nächste Woche Dienstag wiederkommen dürfen. Wenn Sie akzeptieren, dass sie erst mal außerhalb des Kreises werden sitzen müssen, weil mehr als 15 Teilnehmer bei der Individualprobe zu viel Zeit in Anspruch nehmen, sie still und leise sind (den „Übersetzer“ muss ich ständig ermahnen) und nicht stören, können sie natürlich kommen. Ich gebe noch mit: „Wenn Sie Dienstag und Mittwoch kommen, bekommen Sie Mittwoch auch meine Unterlagen.“ Diese Zurückhaltung geht darauf zurück, dass ich meine „Commerzbank“-Mappen mit Unterlagen zu oft an TN gegeben habe, die nur einmal gekommen sind.

Tag 5: Begrüßung an der Tür und „Entschuldigung“

Viele sind pünktlich da. Es sind weniger als gestern. Gleich zu Beginn erkläre ich, dass ich  nur 15 Teilnehmer im Kurs haben will und dass das auch so kommuniziert ist. Dies geht darauf zurück, dass ich in diesem U-förmigen Raum nur 15 Stühle habe. Mit dem Kreis habe ich Sichtkontakt. Das „persönliche“ Üben mit 15 Personen dauert jetzt schon lange. Dies ist für einige TN schwierig,  weil ich absolute Ruhe will. Das mit der Ruhe verstehen sie, weil ich, immer wenn ein Teilnehmer stockt, sage: “Ssst, das ist schwierig für ihn“. Der unruhigste Teilnehmer versucht es doch: einer mehr oder weniger, da kommt es doch nicht drauf an. Ich gucke ihn mit strengen Augen an und zeige auf Ihn: „Gerade Sie, der nicht schweigen kann und immer mit dem Nachbar redet, Sie haben am wenigsten Geduld!“  Wahrscheinlich habe ich jemand beleidigt.

Ein TN führt durch die erste Runde. In 15 Minuten sind wir von „Guten Morgen, mein… bis zu

70, 80. 90 100“ gekommen. Richtig schön und eigentlich auch schon ziemlich schnell, mit wenigen Eingriffen von mir. Applaus Applaus. Noch einmal PLZ und fertig.

Wir üben weiter mit „erste, zweite, usw.“ und „Wann haben Sie Geburtstag?“ Ich lege nahe im Sozialamt immer mit ganzen Sätzen zu antworten: „Ich habe Geburtstag am… .“ Und dann passiert was Lustiges. Jemand kommt aus dem Wort „Begurtstag“ nicht raus.

Zwei lachen- Ich: „Nicht lachen!“ „Begurtstag“, seine Frau lacht mit. „Begurtstag“, die Freundinnen der Frau lachen auch mit. Begurtsag“ – alle lachen, er auch, ich auch.

Dann machen wir noch schnell die Uhr. „Viertel sitzt noch nicht, alles andere geht. Weiter.

Nachdem klar ist, was „Jahreszeiten“ sind, frage ich:“ Habt ihr in Afghanistan und Syrien auch Jahreszeiten?“ Ja, haben sie. Also: Herbst (Herbest), Frühling, Sommer und Winter.

Dann geht es weiter mit kurzen Sätzen mit dem Verb „Haben“ und Worten aus der Häufigkeitsliste. „eine Frage – eine Antwort – Ball – Freund/Freundin – Angst (Angest), usw.“

In der Pause kommt der junge Teilnehmer, der gestern nicht erschienen ist, mit seinem IPhone und eine Sprachausgabe mit dem Word „Entschuldigung“. Es wirkt sehr klein, seine Einsicht wirkt

glaubhaft. Ich richte ihn auf, lächele ihn an und sage: „Ist fein, ich rede später darüber.“

Nach der Pause: 1 + 2 = 4. 4 ist ein Fehler. Er (der junge TN) hat gestern einen Fehler gemacht. Er ist um 4 Uhr nicht gekommen. Es geht so in Deutschland:

zu spät kommen: ein kleiner Fehler (ich male einen Strich)

sich nicht entschuldigen: ein größerer Fehler (dieser Strich ist länger)

sich nicht Abmelden: Fehler ist noch größer (Strich noch länger)

nicht kommen: ein wirklich großer Fehler,

und gleich danach: „Bitte, bitte, machen Sie das nicht – machen sie das einfach nicht.“

Ich entlaste den jungen TN: „Wir sind zum Lernen hier, hier ist es noch ok. Draußen (das Word kennen Sie) ist dies absolut nicht ok“ Betrübte Stimmung – der TN lacht jedoch etwas erleichtert.

Ich schreibe an der Tafel: „Frau = Mann“. Wir üben jetzt die Begrüßung an der Tür bei Freunden.

Ich zeige auf mein Rechteck, wo ich mich bewege: das hier ist jetzt Afghanistan und bitte zwei Ehepaare zu mir in das Rechteck. Ich erkläre, dass sie Freunde sind und eingeladen haben. Der Besuch kommt jetzt und sie sollen sich begrüßen. Es klingelt. Sie begrüßen sich auf Deutsch.

NEIN NEIN, das ist hier Afghanistan, und noch einmal. Sie machen es nochmal in ihrer Sprache.

„Ist das Afghanistan?“  Nein, sagen alle. Und noch einmal wie in Afghanistan. Es folgt eine Begrüßung: Da ist eine Herzlichkeit und Wärme im Raum, ich kann nur staunen. Applaus.

Mit der Christin spiele ich einladendes Ehepaar und wir üben die deutsche Begrüßung. Hier gibt  die Frau zuerst die Hand. Wir üben, es klappt, auch mit dem „nicht überkreuz“.

(Mein Blatt ist voll, ich will noch einen Absatz schreiben, weil es so lustig war).

Wir üben noch „sich entschuldigen, wenn man im „Globus“ mit dem Einkaufswagen jemanden anrempelt. Ich spiele es mit einem kräftigen Mann, der es problemlos aushält. Ich glaube, er findet es auch lustig. Alle lachen wenn ich (kleiner Mann) ihn (großer Mann) anremple.  – Applaus.

Ich erkläre: 95 % der Menschen in diesem Land sind Ihnen freundlich gesonnen. Bei denen sind sie willkommen und Sie wissen, viele helfen (Ich zeige auf die Kugelschreiber und die Kopien). 5% nicht, vergessen sie die. Ein TN sagt: in unserem Land sind es viel mehr, die Schlechtes wollen. Diese guten Menschen können Sie auf der Straße immer nach dem Weg fragen.
Das geht so:

„Entschuldigung?“ sagen sie und warten bis jemanden „ja?“ sagt und sie anguckt.

Sie gehen einen Schritt nach vorne und sagen:
„Guten Morgen, ich habe eine Frage. Können Sie mir sagen, wo die Kirche ist?“

Wenn jemand nicht „Ja?“ sagt, gehe einfach weiter.

Wir spielen wieder ein deutsches Ehepaar. Ein TN „Entschuldigung“, wir sagen:“ ja“ – er kommt schnurstracks auf mich zu: „Guten morgen… „. Die Frau ignoriert er.

Dann spiele ich ein Mann aus Deutschland und spreche den Mann an. Das Spiel funktioniert.

Dann lasse ich seine (gespielte) Ehefrau „Ja?“ sagen und mich angucken. Ich gehe auf die Frau zu: „Guten Morgen, können Sie…“ und gucke nur die Frau an. Ich erkläre: Wer „Ja?“  sagt, wird angesprochen. Dann fragt ein pfiffiger Teilnehmer: „Und wenn beide „ja?“ sagen?

Ich muss Farbe bekennen. Ich zeige auf die Tafel mit „Frau = Mann“.

Ich bin ein Mann, wenn beide „ja?“ sagen, spreche ich die Frau an.

Wir spielen es durch. Heiterkeit. Wieder ein Schrittchen weiter.

Tag 4: Der Kurs steigt 

Zu Beginn sind schon ziemlich viele anwesend. Das Pärchen mit Hochschulabschluss, das „hochmotiviert“ war um Deutsch zu lernen, ist nicht mehr erschienen. Der kleine brave Junge ist mit seiner Mama wieder da. Ich gebe der Mutter einige Buntstifte und ein Malbuch. An Ende des Vormittags wird sie es zurückgeben, darf es natürlich behalten. Er wird mir noch ein Bild malen. Im Laufe des Vormittags füllt sich der Saal allmählich. Zum Schluss sitzen 23 Teilnehmer im Schulungsraum. Es übersteigt die Kapazität des Raumes.

Ich bitte die junge Mutter nach vorne, sie soll den Einstieg „Guten morgen, mein …“ übernehmen. Es klappt ziemlich gut, sie bekommt Applaus. Ich wähle für morgen schon den Nächsten aus. Danach zählen wir weiter bis 1 Million und ich erkläre, wie die ausgesprochen Zahlen geschrieben werden. Bei dreihundertfünfundzwanzig zuerst vorne die 3, dann zum Schluss die 5 und in die Mitte die 2.  Schwierig. Wir fahren weiter mit „Das erste Kind, usw.“ Bei zehn Kindern hören wir auf, die Frauen lachen. Bei Sechzigtausend erkläre ich den Begriff PLZ. Kaum einer kennt PLZ. Ich rate, die Zahl der eigenen Gemeinde aufzuschreiben oder auswendig zu lernen. Es folgt eine kleine Predigt über Pünktlichkeit  und Abmelden. Am Ende des Vormittags habe ich vier Abmeldungen.

Kurz vor der Pause um 10:30 Uhr frage ich die junge Mutter, ob Sie das Wort „Ausbildung“ übersetzen kann – Ihr Ehemann macht eine Ausbildung. Nach einigen Anläufen haben wir das Wort im Raum. Bei einer Ausbildung lernen wir und gleichzeitig arbeiten wir. Ein TN versucht mir zu erklären, dass der theoretische Teil der Ausbildung an der Universität stattfindet. Ich lasse dies erst mal stehen. Ich verteile die Broschüre „Nach vorne führen viel Wege“ vom Ministerium für Wirtschaft, Klimaschutz, Energie und Landesplanung in Mainz (Danke liebe Mitarbeiterin vom Ministerium). Ich erkläre, dass viele von ihnen, wenn sie dann bleiben dürfen, wohl eine Ausbildung werden machen müssen. Ich rege an, dass sie die Broschüre mit nach Hause nehmen, sie zuhause übersetzen und lesen. Wir werden in Januar diese Broschüre besprechen und Berufsperspektive aufzeichnen. Ich verteile auch Kopien mit  „a, b, c“-Schreibübungen.

Ich habe zu wenig davon.

Ich frage einen gut englisch sprechenden TN aus Afghanistan: „Übersetzen sie das mal auf Arabisch“. Er antwortet: “Ich kann kein arabisch, ich spreche Persisch.“   O jee, ich habe die ganze Zeit gedacht, er spricht arabisch. Ich frage die Syrer wer Englisch kann, niemand. Nur ein Syrer kann etwas Deutsch.

Nach den Zahlen kommt die Uhrzeit: Nur viertel nach drei ist ein Problem. Ich falte ein Blatt in zwei, dann in vier: die Hälfte, ein Viertel. Viertel vor vier geht dann ziemlich schnell.

Die Tage der Woche. Ich beginne mit Sonntag. Eine Teilnehmerin erwähnt bei Sonntag: „Sonntag ist schön, Zeit für die Familie und ruhig“. Danke und am Sonntag gehen manche Christen in die Kirche. Das war mal Tradition. Eine junge Frau hebt ungefragt den Finger: ich gehe auch in die Kirche.
Die Monate: Wir üben die Monate. Zuerst ich, dann gemeinsam, danach alle alleine. Beim ersten Mal sprechen die Teilnehmer mir meist nach.“ Januar – Januar, Februar – Februar, usw.“ . Ein Teilnehmer, zwei Stunden im Kurs und versteht kein einziges Wort Deutsch, rattert, wenn ich auf ihn zeige: „Januar, Februar, …  bis Dezember“.Nochmal“ – Ich erhöhe das Tempo: klappt ohne weiteres – er bekommt Applaus. Zwei Stühle weiter, eine Frau ganz in schwarz verhüllt, mit klarem Blick: genauso – Applaus. Ich bin begeistert, zeige es der Frau auch. Ich bin mir nicht sicher, ob der Ehemann auch begeistert ist.

Mit den Teilnehmern die von Anfang an dabei sind, haben wir laut Excel Wortzählmaschine schon mehr als dreihundert Worte in diesen vier Tagen behandelt. Wir kommen gut voran.

Tag 3: Volatilität und erste Sätze

09:00 Uhr: Sieben Teilnehmer sind gekommen. Davon sind vier TN zum ersten Mal hier. Also beginnen wir noch mal mit „Guten Morgen, mein Name ist…“.  Im Laufe der Zeit kommen noch sechs weitere TN, zwei davon sind neu. Ich frage den Papa vom kleinen Jungen nach der Ehefrau. Er sagt, seine Frau kommt morgen mit. Die Mutter der drei Kinder sagt etwas vom „Zug“.

Ich wechsele das Thema und erkläre zum ersten Mal, es ist besser sich abzumelden. Ich sage: „Ich brauche keine Begründung, sage einfach, ich komme später oder ich komme nicht“.

Beim Durchgang von „Ich – du – er….“ will ich, wie beim letzten Mal, ein „Du“, ein „Er“ und eine „Sie“ im Viererkreis. Ich lade zwei Männer und die TN, die nicht gut lesen kann, ein nach vorne zu kommen. Die Frau zuckt – ihr Mann sagt etwas Unverständliches. Der Nachbar erklärt, der Mann will nicht, dass ein fremder Mann…. Ich habe es sofort verstanden und entschuldige mich aufrichtig und ausführlich. Bis der Mann mir zunickt. Pfff.

Die  Frau hatte kein Kopftuch auf, nur eine Mutze. Wie viele hier, wenn es kalt ist.

Beim „ich- du …“ probiere ich bei einem Teilnehmer durch Gesten den Rhythmus zu erhöhen. Er macht mit. „Und noch einmal!“, er macht jetzt ganz schnell – alle lachen, er auch – Entspannung.

Dann üben wir zählen. Das ist wieder für alle schwierig. Vor allem :

Sieben – siebzehn – siebenundzwanzig – siebzig

Auch siebzehn und siebzig werden vertauscht und natürlich „fünf“ und „funf“. Aber das kenne ich, es dauert ein Jahr, bis die Umlaute sitzen bei 90 % der gesprochenen Wörter.

Wir erreichen allerdings die Hundert und morgen ist wieder ein Tag.

Es folgt noch Mal „Anton, Bertha…“ und das Sozialamt. Danach erkläre ich, dass wir mit den ersten Sätzen beginnen, zuerst kommen einfache Sätze. Dass ich in diesen Kursunterlagen etwa 400 Worte eingebaut habe, die Wörter, die man für eine Unterhaltung im Kindergarten, usw. braucht. Ich weiß nicht, ob ich ihnen Mut mache, wenn ich erwähne, dass wir bis Ende Januar alle Wörter kennen werden.

Spenden: Ich habe bei der Vorbereitung des Kurses viele Menschen um Unterstützung gebeten. Die große Hilfsbereitschaft hat mich sehr gefreut. Eins wollte ich jedoch partout nicht. Ich wollte nicht um Spenden bitten, weil ich kein Nikolaus spielen wollte. Ich wollte nicht, dass die Menschen  kommen, weil sie Socken bekommen, sondern nur weil sie Deutsch lernen wollen.

Die eigenen Kinder berücksichtigten dies natürlich nicht und Samstag kam unsere Tochter mit Kinderbüchern und -kleidung. (erste Reaktion: grrrr, zweite Reaktion: ich bin stolz). Auf einmal  kommt unsere kleine Enkelin mit einem Büchlein aus dem Kinderschrank, guckt mich an und sagt: „Opa, das ist für die Kinder, das brauche ich nicht mehr.“
Ich habe heute Bücher und Kinderkleidung verteilt. Meine Bedenken, dass es im Kurs Unstimmigkeiten gibt, weisen die TN entschieden von der Hand: Die Solidarität wirkt derart überzeugend, dass ich fast versucht bin, mich zu entschuldigen.

Den pfiffigen TN frage ich, ob er mit seinen Kumpeln Deutsch geübt hat. Es kommt keine so richtige Antwort und er meint, seine Kumpels sind jetzt hier. Ich sage ihm, er soll weitere Freunde suchen und wir treffen uns morgen, wenn er will, in der Stadtmission. Er bejaht, sein Nachbar auch.

Ich schlage vor, kleine Sprachaufnahmen in Whatsapp zu machen. Wenn er die weiter schickt, hat jeder Übungspartner den Originalton. Ich lese einen kleinen Abschnitt vor, sie sind begeistert. Ich bitte ihn eine Whatsapp-Gruppe mit seinen Sprachfreunden zu machen. Morgen lesen wir dann die einzelnen Abschnitte ein. Er fragt mich, ob ich kein Whatsapp habe. Ich zeige mein 10-jahre altes Handy. Er lacht verlegen.