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Information for refugees — Who will help me?

🇫🇷 Bienvenue sur le site de l’aide pour les réfugiés à Grünstadt et Leiningerland.

Information pour les réfugiés — Qui va m’aider?

🇩🇪 Herzlich Willkommen auf der Webseite der Flüchtlingshilfe Grünstadt und Leiningerland.

Informationen für Flüchtlinge — Wer hilft mir?

Unser Ziel ist es, Flüchtlingen in und um Grünstadt unbürokratisch und individuell zu helfen.

Für Flüchtlinge bieten die oben verlinkten Webseiten wichtige Informationen, um erste Anlaufstellen zu finden.

Für Bürgerinnen und Bürger, die sich informieren oder engagieren wollen, bieten wir eine Übersicht, wie man helfen kann, eine Liste von Ansprechpartnern und Informationen zu regelmäßigenTreffen, Hinweise und Informationen für potentielle Spender, sowie Hinweise zur Koordination und Vernetzung der Helfenden untereinander.

Über aktuelle Nachrichten und Ereignisse berichten wir in den untenstehenden Mitteilungen.

Tag 17: Schwanger und Berufe

Ein TN-Paar meldet sich noch vor Kursbeginn ab. Seine Frau hat um 10 Uhr einen Termin beim Arzt. Der Mann erklärt mir, dass seine Frau auch alleine gehen könnte, er jedoch als Übersetzer mitgeht, weil die Frau nicht so gut Englisch reden kann. Ich wollte heute nach „Nach vorne führen viele Wege“ die Berufe bzw. die Berufswünsche für das Berufsleben hier in Deutschland erfragen. Ich frage die Frau, ob sie mir jetzt schon den Berufswunsch mitteilen kann. Sie guckt ihren Mann, er sagt: „Sie ist seit 2 Monaten schwanger“. Ich gratuliere und freue mich mit den werdenden Eltern und natürlich ist damit der Berufswunsch erst mal klar.

Wir arbeiten uns durch die Hausgegenstände, Gemüse und Obst. Dies funktioniert schon ziemlich gut. Obest und Karetoffel sind nur noch sporadisch zu korrigieren. Ein Mann spricht Birne wie Birna aus. Seine Frau spricht das „e“ deutlicher aus. Ich sage zu ihr: „Sage zu deinem Mann mal „Birne“, er: „Birna“. Nochmal: Birne – Birna. Dann rate ich: „Heute Abend üben Sie zu Hause: „Birne, Birne, Birne“. Alle lachen

Dann kommen die Farben und die Farben-Sätze. Für einen Satz wie: „Abends, beim Sonnenuntergang, ist der Himmel rot gefärbt“ brauche ich nicht mehr viele Worte. Abend, Sonne, unter, Himmel, rot kennen sie schon. Wenn sie mir die Worte erklären, brauchen sie noch viele Gesten. Jemand sagt jedoch: „Die Sonne steht am Himmel“. Ein Anderer“ Im Himmel sind Sterne“
Mit „gefärbt“ werden die Verben vorbereitet.

Nach dem Zahlendiktat frage ich die TN, jeder soll die Zahl der Flüchtlinge die 2015 in Deutschland eingetroffen sind, so wie er/sie denkt, aufschreiben und wie viele 2016 noch erwartet werden.(nicht reden, nur denken und schreiben). Die 2015er Zahl variiert von 20.000 bis 100.000. Nur ein TN hat die Zahl von 1.000.000. Er ist schon 3 Jahre hier. Eine 2016er Zahl können sie mir nicht geben. Sie denken es ist vorbei. Ich erkläre, wie schwierig die jetzige Situation für uns alle ist. Für die, die gekommen sind und wie wir uns hier in Deutschland anstrengen, allen eine Wohnung oder ein Zimmer zur Verfügung zu stellen. Sie sitzen vor mir und ich zeige auf jeden/jedes Paar: eine Wohnung, noch eine Wohnung, ein Zimmer, noch eine Wohnung, usw. Ich hoffe, sie bekommen ein wenig Verständnis für den Einsatz und die Leistung, die dieses Land und seine Menschen für diejenige, die vor mir sitzen und den Rest der Million in diesen Monaten geschafft haben. Ich meine Bewunderung zu sehen.

Dann kommt noch die Geschichte von Jan-Robert, der über den Meister die Hochschulreife ohne Abitur schafft. Und ich mache Mut und Werbung für einen beruflichen Werdegang.

Ich frage die Berufe ab: ich denke ein Lackierer ist dabei (bin mir jedoch noch nicht sicher), jemand hatte einen Teeladen in Kabul und spielte Musik am Wochenende (ohne Noten lesen zu können), ein Maschinenführer (Strickmaschine), die Frau mit Kopftuch lehnt nicht mehr ab. Sie meint vielleicht Friseurin (nach dem Vorbild von Christina aus „Nach vorne …“). Ich lasse sie „nachdenken ( Nordpol – Anton – Cäsar – Heinrich usw.: Buchstabieren klappt inzwischen wunderbar) in das Smartphone schreiben und auf Arabisch übersetzen.

Sie nickt, sie hat verstanden, sie wird nachdenken. Und ich: „Morgen reden wir wieder darüber“

Zum Schluss verweise ich noch auf den Praktikumsleitfaden, mit dem wir morgen beginnen. Und noch mal die Anregung, dass in Deutschland alle Frauen vor der Geburt der Kinder und nachdem die Kinder im Kindergarten sind, zur Arbeit gehen. Wenn Frauen hier nicht arbeiten gehen, sitzen sie einsam und allein zuhause. Auf der Arbeit finden sie Freundinnen und lernen deutsche Kolleginnen und Gewohnheiten kennen. Das ist viel besser als alleine zuhause zu sitzen UND das ist gut für uns alle.

Tag 16: Abdalramah und vierzehn/vierzig

Ein Sohn ist heute mitgekommen. Ein TN übernimmt die Rolle des Vorlesers beim täglichen Wiederholen der Hausgegenstände. Bei den Essen-Trinken-Kochen-Sätzen von gestern hätte ich normalerweise übernommen, ich bitte jedoch Abdalramah nach vorne. Der Vater guckt etwas beunruhigt. Der Sohn lässt sich darauf ein. Er beginnt: „Zum Frühstück essen wir eine Scheibe Brot und…“. Das „Frühstück“ hört sich wohltuend wie „Frühstück“ an. Probleme gibt es, wie bei allen TN wenn sie lesen, bei Wörtern mit „ei“ bzw. „ie“:„Scheibe (Schiebe), mein (mien). Jeden Tag zähle und schreibe ich: eins, zwei, drei, vier. Das klappt, nur beim Lesen noch nicht.

Ich bitte um ausgiebigen Applaus für Abdalrahmah, den bekommt er auch. Ich lade ihn ein, immer, wenn er keine Schule hat, hierher zu kommen und natürlich: Schule ist viel wichtiger als hier zu sein. Abdalramah ist 13, wirkt jedoch jünger.

Dann arbeiten wir die Liste der Obstsorten ab und ich ergänze, wann sie welche Sorten am besten kaufen und mache Werbung für die regionalen Produkte von unseren Obstbauern: frisch,  preiswert und gesund. Obstsorten geht ziemlich flott. Um 10 Uhr sind wir fertig.

Bisher haben wir ca. 600 Wörter gelernt und, abgesehen von heute und gestern, alle mindestens 10-20 Mal über mehrere Tage wiederholt, einzeln und in der Gruppe. „Laut, laut“ sage ich dann immer. Das ist besser für das Gehirn, es hört dann mit (Danke Hirnforschung).

Ich verteile die Broschüre „Praktikumsleitfaden“ (danke liebe Mitarbeiterin vom IHK). Ich male noch mal Grundschule – Hauptschule/Realschule (aus „Nach vorne führen..“) –Abschluss der Schule – Praktikum und Ausbildung (mit Abschluss). Ich mache Mut sich über ein Praktikum Gedanken zu machen. Und formuliere vorsichtig, dass der Mann, der Schweißer ist, sich hier auch weiterzubilden hat, bevor er eine Arbeit bekommen kann (Das hat die Handwerkkammer mir gesagt, die Einladung für den Mann habe ich schon vorliegen). Für ein Praktikum gibt es als Asylsuchende Möglichkeiten. Ich rege an, die Seiten mit wenig Text schon mal zu lesen und mit dem Smartphone zu übersetzen. Nächste Woche lesen wir noch eine Geschichte aus „Nach vorne führen viele Wege“ und dann werden wir uns mit dem Praktikumleitfaden beschäftigen.

Ich frage sie auch bis nächste Woche aufzuschreiben, welchen Beruf sie im Heimatland hatten oder hier nachgehen möchten. Und bestärke die Frauen, dass es bei uns total normal ist, wenn Frauen arbeiten. Abgesehen von Müttern mit kleinen Kindern arbeiten alle jungen Frauen.

Die Dame mit Kopftuch habe ich noch nicht überzeugt.

Die Geschichten von Irina, Christian usw. haben sie alle brav geschrieben. Ich lobe alle für die schöne Handschrift, die sie haben. Zehn Geschichten insgesamt sollen sie schreiben. Sie sollen die geschriebenen Geschichten zusammen mit der Broschüre „Nach vorne..“ in dem Ordner aufbewahren und sie überall zeigen, wo es angebracht ist. Ich bin mir sicher, sie werden nicht viele Worte brauchen, um Anerkennung für das Geleistete zu bekommen und es wird ihre Chancen auf eine schnelle Integration erhöhen.

Nach der Pause kommt Zahlendiktat. Gestern gab es wieder viele Fehler. Meine Frau hatte anhand der noch vorhandenen Fehler der Vortage eine weitere Reihe von 20 (schwierigen) Zahlen zusammengestellt. Ich wiederhole noch mal vierzehn und vierzig, sieben – siebzehn – siebenundzwanzig und siebzig. Und erkläre dem Papa von Abdulramah, dass es für ihn besser ist die Zahlen von rechts nach links zu schreiben, so wie er sie hört. Und los: 40, 50, 15, 60,…..

Zum Schluss kommt der Vater von Abdalrahmah auf mich zu. Er verrät mir, (sein Sohn übersetzt) dass er in Syrien nicht in der Schule war. Geahnt hatte ich es. Ich bestärke ihn: „Wissen Sie, für Sie ist das hier ungeheuer schwierig. Sie kommen jedoch jeden Tag. Nicht wie viele, die einen oder zwei Tage gekommen sind und dann wieder weggeblieben sind. Nein, Sie sind immer noch hier: das ist mutig, sehr mutig. Und gut für Sie und Abdalrahmah!“ Dankbar gibt er mir die Hand.

Tag 15: Kranke Kinder und von hinten lesen

Straßenszene vor dem Haus: Ein Ehepaar kommt mit dem Zug und ist immer schon um 8:40 Uhr vor Ort und wartet draußen. Weil die Frau aufgeschlossen wirkt und sie beide sehr kooperativ sind, habe ich mir angewöhnt, ihnen, wenn ich eintreffe, die Hand zu geben. Im Normalfall kommt der Mann etwas auf mich zu, gibt mir die Hand und sagt: „Guten Morgen, wie geht es Ihnen“. Die Frau wartet etwas abseits. Am Anfang hielt sie sogar die Augen niedergeschlagen. Da wir im Kurs die Begrüßung geübt-gespielt haben, kennen sie den Satz: „In Deutschland wird die Frau zuerst begrüßt“. Nach meinem „Danke, gut und selbst“ sagte ich dann immer „Die Frau zuerst“ Heute Morgen kam die Frau auf mich zu und begrüßte mich, danach der Mann. Ich lobe sie sehr. Schon wieder ein Schrittchen weiter in Deutschland angekommen. Ich freue mich.

Der Kurs ist dünn besetzt heute Morgen: zwei Kinder sind krank, die Mütter sind zuhause geblieben. Sie werden beide jedoch vom Ehemann/Schwager abgemeldet. Ein Mann ist zum Arzt, (hat sich abgemeldet) die Frau dürfte/wollte (ich weiß es nicht) nicht alleine kommen. Sie werden später gemeinsam mit ihrem Kind eintreffen.

Der gestern ausgewählte Mann macht seine Sache mit „das Haar – die Haare“ gut. Ich lasse ihn ziemlich viel vorlesen und wir sprechen nach. Danach verlange ich Applaus. Er bekommt viel Applaus, nur seine Frau klatscht nur dreimal. Ich gucke sie an, klatsche intensiv und sage „nochmal“. Jetzt bekommt er auch von seiner Frau entsprechend Applaus. Hat er sich auch redlich verdient. Er bringt „der – die – das- die“ beim Lesen noch ziemlich durcheinander. Zum ersten Mal erkläre ich Maskulinum, Femininum, Neutrum und Plural. Genügend Wörter kennen sie ja.

Nach den Zimmern und Gegenständen im Haus kommt Essen und Trinken. Stilles Wasser würden sie lieber „normales“ Wasser nennen, so wie im Garten. Ich verweise auf die Kinder, falls sie mal bei einer deutschen Mama zu Besuch sind. Bei der Gemüsesuppe lasse ich das Kind „Tschüss“  ein paar Mal wiederholen. Das Kind (4 Jahre) sagt ein perfektes „Tschüss“. So hört sich auch Küche und Gemüse an. Ich erkläre, dass Erwachsene diese Perfektion nach dem ca. 30. Lebensjahr nicht mehr erreichen können. Als Trost übe ich noch mal Kaffee (=قهوة / qahwa). Immer noch schmunzeln sie. Danach lernen wir „Gemüse“ Dies geht ziemlich flott. Knoblauch hatte ich vergessen, sie wollen wissen wie man das nennt. Ich singe ein Loblied auf die Spargel und dass es nur 6 Wochen lang Spargel gibt. Bei „10 Euro/kg“ teilen Sie meine Begeisterung nicht mehr so. Ich rate, zu einem Fest Spargel zu servieren. Und ich erkläre, wie man draußen im Feld ein Spargelfeld erkennen kann.

Zu den Gemüsesorten erwähne ich noch, in welcher Jahreszeit man bevorzugt einzelne Sorten kaufen sollte. Das interessiert sie sehr. (Tomaten im Winter sind teuer und schmecken nicht)

Die Schreibübung haben sie treu gemacht. Sie schreiben (viele haben eine sehr schöne Druckschrift) einen Text von ca. 100 Worten, mit Wörtern wie Realschulabschluss – Fachverkäuferin – Bäckereihandwerk in ca. 30 Minuten. Ein Mann hat von 9:15 Uhr bis 10:45 Uhr geschrieben. Ich erkläre dem Ehepaar noch mal die Uhrzeiten und mit Hilfe seiner Frau finden wir heraus, dass er um 9:45 Uhr aufgehört hat. Diese Zeiten hatte ich bei der Frau auch gesehen.

Dann ist „Hüsnü“ an der Reihe. Hüsnü ist Stellvertreter für die Flüchtlingskinder von heute. Er hat ein „Berufsvorbereitungsjahr“ absolviert. Ich erkläre noch mal, dass in der deutschen Sprache die einzelnen Wörter einfach zusammen geschrieben werden. Wenn Sie einen Text lesen, können sie derartige Wörter am besten von hinten lesen: das Jahr, das zu Vorbereitung auf den Beruf gemacht wird = Berufsvorbereitungsjahr. So wie Kopftuch und Gemüsesuppe. usw. .

Ich male den Werdegang, damit ich wieder „Praktikum“ und „Ausbildung“ den richtigen Platz im Werdegang geben kann. Ich staune, wie gut die Frau schon liest.

Tag 14: Schreibübungen gelungen und eine kleine Revanche 

Eine TNin führt uns durch die Körperteile und Körperverben. Dann kommt die nächste TNin und wir pauken die Zimmer im Haus und die Gegenstände im Wohnzimmer und Schlafzimmer. Dem Ehemann sage ich, ich werde ihn morgen bitten die Körperteile und –verben vorzulesen.
Er stöhnt, seine Frau beruhigt ihn.

Dann arbeiten wir die Küchenliste ab. Das ist einfach, weil der Raum einen kleinen Küchenteil hat, da kann ich Messer und Gabel usw. holen. Ein Küchensatz ist gemein:

Die Suppe kann eine Gemüsesuppe oder eine Markklößchensuppe sein.

(Willkommen in der Pfalz)

Bei „Gemüsesuppe“ müssen sich „ü“ und „u“ mindestens unterschiedlich anhören. Gemusesuppe gilt nicht. Da die Gemüsesuppe harte Arbeit ist und viel schwieriger als „Im Frühling blühen die Blumen“ gönne ich den TN einen Bonbon: Ich versuche das arabische Wort für „Kaffee“ auszusprechen. Dies gelingt natürlich auch nur zu 60 %. Schmunzeln, die Lage entspannt sich wieder.

Und inzwischen kennen wir schon viele Sammelbegriffe: Eltern für Vater und Mutter, Kinder für Sohn und Tochter, Geschwister, Streife für zwei Polizisten und jetzt „Gemüse“.

Und wir lernen die einmalige Eigenschaft der deutschen Sprache, was für Ausländer ungemein schwierig ist, Wörter einfach zu einem Wort zusammensetzen zu können: wir kennen schon Kopftuch (eine TNin), Fußstreife, Dachboden, usw. und jetzt Gemüsesuppe. Da helfen auch keine Englisch Kenntnisse (vegetable soup = zwei Worte).

Dann verteile ich die restlichen Ordner. Ich konnte sie unmöglich auf einmal tragen. Die ersten Schreibübungen liegen vor. Da Startzeit und Endzeit dokumentiert sind, sehe ich, dass Alle die, die Geschichte von Irina aufgeschrieben haben, es in etwa 30 Minuten geschafft haben. Einer hat (auch in 30 Minuten) nur die Hälfte geschafft: Er hat eine sehr schöne Druckschrift, obwohl er kaum lesen kann. Ich lobe und unterschreibe mit „Dr. De Clercq Arnold“ und sage: „Psst, das ist ein Geheimnis, der „Dr.“ hilft beim Sozialamt und der Kreisverwaltung.“

Mein pfiffiger junger Schüler ist auch wieder zu Besuch. Heute kann er mir schon erzählen, dass er in einer Klasse mit 18 Schülern sitzt. Auch deutsche Schüler sind dabei. Ich lege ihm ans Herz, ziemlich intensiv, er soll sich auch deutsche Freunde suchen und in der Pause nicht nur arabisch sprechen sondern versuchen deutsch zu reden oder mindestens zuzuhören. Beim Satz „Kinder essen lieber Spaghetti“ und ich das Wort „lieber“ erklären will, meint er dass er es weiß. Ich erkläre allen den Unterschied zwischen „Liebe“ und lieberrrrrrrrrr“.

Dann kommt Christina, die Friseurin. Zum ersten Mal erwähne ich das Wort „Asyl“ und erkläre dass sie ohne Asyl nicht arbeiten dürfen, jedoch sehr wohl ein Praktikum absolvieren dürfen. Eine TNin liest (die Frauen lesen einfach besser als die Männer) den Text. Das Wort „Hauptschulabschluss“ ist natürlich unmöglich. Ich helfe: Wie Gemüsesuppe: Hauptschule und Abschluss = Hauptschulabschluss. Der Weg von Christina ist gerade ein Musterbeispiel, das deren Werdegang hier in Deutschland darstellen könnte. Sie gleiten mir weg. Ich will sie wieder einfangen und singe ein Loblied auf Deutschland. Welch gutes Land das ist, wenn man das „Allgemeinwohl“ betrachtet. also gut für „ALLE“ Gruppen. Nicht nur für EINE Gruppe. Und mache Mut: „Gehen Sie Ihren Weg, in Deutschland ist es möglich UND lernen Sie die deutsche Sprache!“

Die Leserin von heute Morgen (vom Ehemann) frage ich, ob Sie morgen den Text von Hüsnü Mehmet (39) lesen will. Sie zögert sehr. Auf „Denken Sie, dass das geht?“ kommt „Ich weiss nicht“. Ich mache es kurz. Ich versuche mein „Bitteeeeee“. Damals in der BASF konnte (in Unterrichtstunden) auch Niemand wiederstehen. Sie sagt ja.
Die Augen des Ehemannes leuchten jetzt. Eine kleine Revanche!

Tag 13: Besuch von der Polizei und schreiben lernen

Heute kommt die Polizei! Wir beginnen gleich die Polizeisätze zu üben. Zum Beispiel:

Polizisten sind freundlich, höflich und korrekt.
Die Sicherheit des Bürgers ist der Polizei ganz wichtig.
Polizisten sind nicht bestechlich und sie beschimpfen niemanden.
Eine Fußstreife kann man grüßen, wenn man Augenkontakt hat – das gehört zur Höflichkeit.
Man kann Polizisten nach dem Weg fragen, immer werden sie versuchen zu helfen.

Ich erkläre jedes Wort und wir üben, üben, üben.

Dann kommt die Polizei. Wir haben Glück: eine Polizistin und ein Polizist. Wir begrüßen uns und dann erzähle ich meine „Frau = Mann“ Geschichte. Mann und Frau können hier Polizeibeamte werden. UND: Eine Polizistin kann alles was ein Polizist kann. Ich frage, wie schnell die Polizistin 100 Meter laufen kann: 14 Sekunden. Der Mann kann es in 15 Sekunden. Die Polizistin ist schneller. Ich betone es. Danach dürfen die TN die Polizeisätze nachsprechen. Und es passiert etwas Wunderbares. Die Polizeibeamten sind beeindruckt UND sie zeigen es auch.

Das ist mein Erfolgserlebnis. Ich erkläre: „Sehen sie es! Ich habe gesagt, die Menschen auf der Straße werden sie bewundern, nicht belächeln, wenn Sie sich bemühen. Haben Sie den Mann gesehen. Das war Bewunderung. Bewunderung für Sie und Ihre Leistung“. (Ich bin ganz stolz).

Dann stellen die Polizeibeamten sich vor. Sie erklären die Uniform, das Schild „Polizei“ auf Arm und Rücken. Der Name ist zu lesen. Sie erwähnen: Wir tragen die Waffe sichtbar für alle. Zeigen sie auch und zeigen uns auch die Handschellen. Wir dürfen mit zum Polizeiauto. Auch da wieder „Polizei“ auf der Motorhaube und alle Polizeiautos sehen gleich aus. Sirene, Blaulicht und Funk werden erörtert und natürlich was die Polizei für eine Unfallaufnahme braucht.

Total lieb: Unser kleiner Junge darf bei der Polizistin auf den Schoß. Der Papa ist ganz gerührt.

Eine Frau kommt vorbei, sieht diese Menschengruppe und das Polizeiauto. Ich gehe auf sie zu.

„Ist was mit den Flüchtlingen?“ fragt sie etwas geladen. Ich verneine und erzähle von dem Kurs und dass wir heute die Polizei zu Besuch haben. Sie schwenkt 180 Grad: Polizei und ich werden von der Dame sehr gelobt.

Auf Wiedersehen Polizei. Der Beamte erwidert: “Auf Wiedersehen und gerne wieder, es gehört zu unserer Aufgabe.  – Vielen Dank.

Nach der Pause verteile ich Ordner und Schreibpapier (danke liebe Spenderin). Ich habe einen Vordruck gemacht. Er sieht aus wie eine Hausarbeit: Datum – Name – Titel.

Ich erkläre, dass diejenigen, die hier bleiben werden, eines Tages richtigen Unterricht bekommen werden. Und je besser sie lesen und schreiben können, desto schneller wird die „Schule“ vorbei sein und sie können Arbeit suchen. Das leuchtet ein.

Die TN, die kaum oder nicht gut schreiben können, mögen jeden Tag eine Geschichte aus „Nach vorne führen viele Wege“, von Irina, Christian, Kristina usw. schreiben. Sie sollen es mitbringen und ich werde unterschreiben. Ich erkläre, dass sie die Broschüre und das Geschriebene jedem Beamten, der nach der Schreibfähigkeit oder auch nur nach dem Arbeitswillen fragt, zeigen können. Und ich verweise noch mal auf heute Morgen: „Jeder Mensch wird beeindruckt sein, so wie die Polizisten, die hier waren. Das ist gut für Sie, das ist gut für uns alle.“

Es kostet mich allerdings viele Worte, bis (fast) alle die Vorgehensweise verstehen.

Und dann passiert was Lustiges: Zahlendiktat. Der Klassenbeste sagt an meiner Stelle:“17“. Ich habe tatsächlich jeden Tag dasselbe Blatt mit Zahlen genommen, weil ich dachte, das können sie sich sowieso nicht merken. Und jetzt 17! Ich spiele, dass ich empört bin und erzähle, dass meine Frau schon von Anfang an sagte, ich soll jeden Tag andere Zahlen verwenden und ich: „Das können sie sich sowieso nicht merken“. Und wenn ich jetzt nach Hause komme und von der „17“ erzähle wird meine Frau sagen: „Siehst du, ich habe es gesagt.“
Die Frauen erkennen das und lachen sehr – die Männer finden es jedoch auch lustig.

Tag 12: Ich habe es nicht verstanden und Polizei

Guten Morgen – guten Morgen, wir schaffen das – WIR SCHAFFEN DAS.

Ein guter Start. Die ganze Woche waren zwei Kinder dabei. Ich habe Mittwoch erklärt, dass die Kinder ruhig im Raum herumlaufen dürfen. Dass wir Erwachsene das akzeptieren sollten, auch wenn die Erwachsenen selbst während des Unterrichts nicht reden dürfen. Und natürlich, dass ich es gut fände, wenn sie miteinander spielen. Sie tun es nicht, obwohl keine Sprachbarriere besteht. Deswegen habe ich heute Morgen einige Kinderbücher mitgebracht, für die Kinder hier und die Geschwister zuhause.

Drei TN führen uns durch die Zahlen, die Familie, die Körperteile und –verben. Die dazugehörigen Sätze lesen sie nacheinander und wir wiederholen sie. Das machen wir zwei Mal. Dann sage ich: „Wir machen jetzt etwas schwieriges. Sie lesen jetzt jeweils einen Satz und ich sage, ob die deutsche Frau an der Kasse im Globus es verstehen kann. Einverstanden?“ Sie akzeptieren.

Die Hälfte der TN bekommen ihren Satz für deutsche Ohren verständlich hin. Bei einigen empfehle ich, zuhause zu üben und ich nehme den Druck etwas raus: Hier im Deutschunterricht ist
„Küche – Kuchen“ natürlich wichtig, wenn sie draußen „Kuche“ sagen, verstehen das die Leute – das ist wirklich nicht schlimm.

Dann kommt wieder die Liste vom Gesundheitswesen. Akut/Chronisch ist erneut zu erklären. Dann soll jeder nacheinander auf meine Frage „Haben Sie…“  antworten mit „Nein ich habe keine….“.TN 1 hat keine Schmerzen, TN2 hat keine akute Schmerzen, TN3 hat keine chronische Schmerzen, TN4 hat kein Bewusstsein verloren. Einige reagieren: Ich erkläre, ich habe KEINE Schmerzen und ich habe … NICHT verloren oder NICHT erbrochen. Wir kommen in etwa durch.

Dann kommt der Satz: „Ich habe es nicht verstanden“. Ich ermutige sie, diesen Satz zu sagen, statt ja zu nicken. Dass die „freundlichen“ Menschen in Deutschland sich stets Mühe geben werden, das Gesagte anders zu formulieren.

Schnell noch die Zimmer im Haus, weil ich die Geräte und Vorrichtungen in der Küche noch erörtern will. Herd, Kühlschrank, Geschirrspüler, Spüle und Arbeitsplatte brauchen ihre Zeit. Auch weil die Frauen jetzt viel untereinander reden. Weil es Freitag ist, gebe ich dem auch Raum.

Und der Unterschied zwischen Lampe – Leuchte – Birne wird heute auch zum ersten Mal beleuchtet. Im Globus gibt es nur Birnen. Jemand meint: „Gibt es auch Birnen die man essen kann.“ Stimmt, bestätige ich, und Obst machen wir später noch mal richtig. Sein Erfolgserlebnis.

Dann die Frage: „Wer hat Angst vor der Polizei“? (Angst als Wort kennen sie, der erste Satz in den Unterrichtsunterlagen ist: Ich habe keine Angst auf der Straße. Es begleitet uns von Anfang an: Auf der Straße brauchen wir keine Angst zu haben.) Zuerst ist Misstrauen vorhanden. Ich frage alle persönlich und mache deutlich, dass ich die deutsche Polizei meine. Ich habe die Polizei hierher eingeladen, weil ich vermitteln will, dass unsere Polizei gut und wirklich ok ist. Ich tue das jedoch nur, wenn alle es gut finden und akzeptieren. Das Misstrauen schwindet, die Polizei kann kommen. Uff.

Da noch etwas Spannung im Raum ist, gibt es ein Spiel. Ich schildere, was ich mit der Polizei tun werde. Ich male eine Ampel, gebe es einer TNin und verweise auf die Ampel am Bahnhof, die alle kennen. Ein Syrer darf Polizist sein. Er stellt sich an diw andere Ecke, genießt die Sonne und weiß, dass er einschreiten sollte.. Ich komme um die Ecke und in diesem Moment wird die Ampel rot (die Zusammenarbeit mit der „Ampel“ klappt wunderbar).

Und dann passiert was: Der Polizist rennt auf mich zu und ruft (intensiv): „Hey“.

Ich: ok, ok – cool down. Ich erkläre, dass Polizisten in Deutschland stehen bleiben und nur rufen.

Beim dritten Mal, ruft er sogar freundlich: ein freundlicher Polizist. Ich muss mal nachfragen, ob ein derartiger Werdegang für diesen stattlichen jungen Mann möglich ist.

Nach der Pause Zahlendiktat und dann warten die Enkel auf mich.

Tag 11: Globus, Mut und Angela Merkel

Wir beginnen mit dem Buchstabieralphabet: Anton, Bertha, usw. Dann bitte ich die TN ihren Namen senkrecht, Buchstabe für Buchstabe plus Leerzeichen, zu schreiben. Manche können ihren Namen noch nicht richtig schreiben. Sie sollen das Blatt bis Morgen mit den Buchstabenkodes ergänzen – das wird für sie ein wichtiges Dokument.

Dann pauken wir Zahlen, Geburtstage, die Familie, die verschiedenen Formen der Begrüßung, Körperteile und Körperverben, die Zimmerbezeichnungen im Haus und die Gegenstände im Wohnzimmer. Nach der Pause werden wir die Gegenstände im Schlafzimmer behandeln.

Wir verwenden viel Zeit mit den zu den Themen gehörigen Sätzen, alle lesen jeweils einen Satz und wir wiederholen und üben natürlich: Küche – Kuchen, Blumen- blühen sowie Eltern, gerne, Fernseher und Angst, Herbst, (danke und) selbst. wie auch zehn. Zeh, Polizei, Zahlen.

Danach erkläre ich die neue App „ankommen“ von der BAMF und dass diejenige, die mit Bus oder Zug kommen, die Fahrkarten aufheben sollen, wegen einer Rückerstattung. Das sind viele neue Worte auf einmal. Wir machen es in 4 Sprachen, damit sicher ist, dass alle es verstehen.

Nach der Pause: Zahlendiktat. Ein Teilnehmer bekommt ein Blatt Papier mit den Zahlen 1 – 20 und auch (eins – zwei, usw.) ausgeschrieben. Er soll bis morgen diese Zahlen 10 Mal nachschreiben. Den Anderen sage ich, dass gestern 6 Diktate fehlerfrei waren und als häufigste Fehler Verdrehungen (64 statt 46) und Verwechslungen 17/70 bzw. 12/20 vorkommen. Ich lobe und erkläre, dass wir nächste Woche Zahlen wie 35,12 (Euro) oder 65,23 usw. üben werden, damit sie im Globus den Preis an der Kasse auch verstehen können. Das finden sie sehr gut.

Dann ist schon wieder 11:30 Uhr, Zeit für „Viele Wege“. Ich habe heute Morgen bei Wikipedia das Wort „Mut“ und die Übersetzung in Arabisch und Persisch gesucht und groß auf ein Blatt geschrieben. Ich zeige es, setze mich und bitte um Ruhe. Ich gucke alle nacheinander an (Augenhöhe) und sage: „Sie haben alle viel Mut“. Sie haben nicht nur Ihr Land verlassen, sondern sitzen jeden Tag hier und lernen Deutsch mit mir. Das ist schwierig für Sie. Und ich erinnere an die Menschen, die 1 oder zwei Tage kamen und wieder verschwunden sind. Sie nicken. Sie haben Mut und ich werde Ihnen mit „Viele Wege..“ zeigen, welche Möglichkeiten Sie hier haben.

Eine TN liest über Christian, der Drucker. Ich erkläre, male die Stationen und betone die Abschlüsse, die Christian gelungen sind und seinen Werdegang darstellen.

Dann kommt der Satz „…. mit dem Berufsabschluss auch geschafft“. Zu dem Wort fällt mir einen Satz ein. Ich schreibe an die Tafel: „Wir schaffen das“ und frage, ob jemand diesen Satz kennt.

Niemand. Niemand?! Nein Niemand, auch nicht die TNin, die schon lange hier wohnt.

Wer kennt „Angela Merkel“? Einige und nach einem arabischen und persischen Intermezzo, alle. Es ist die Bundeskanzlerin

Dieses Unwissen über den Satz des Jahres kann ich so nicht stehen lassen, wirklich nicht.

Wo ich stehe, ist gefliest, wo die TN sitzen, liegt ein Teppich: die Grenze. Ich frage die Familien wie lange sie schon hier sind. Drei Monate und ich zähle zurück: Januar – Dezember – November – Oktober. In Oktober standen Sie an der Grenze von Deutschland. und ich zeige nach unten: Deutschland – Österreich. Dann spiele ich die geteilte deutsche Gesellschaft: Diejenige, die die Flüchtlinge nicht wollen und schimpfen und, ein Meter nach rechts, die Gruppe, die sagt, sie sind willkommen.

Dann gehe ich auf den Teppich und sage: Angela Merkel hat allen Menschen hier in Deutschland gesagt: „Wir schaffen das.“ und „Sie dürfen kommen“. Und nach diesem Satz haben die Menschen hier gesagt „OK !“ und haben begonnen Ihnen zu helfen. Ich zeige auf alle Menschen im Raum und draußen „Wir schaffen das“. Und dann passiert etwas Wunderbares: Da die Teilnehmer gewohnt sind, jeden lauten Satz von mir zu wiederholen und ich den Satz „Wir schaffen das“ noch mal sage hallt es durch den Raum: „Wir schaffen das!“ Ein rührender Moment.